Von Dominik Hoenisch. Zusammenfassung der Ergebnisse meiner Diplom-Arbeit im
Fach Psychologie
(erstellt im Sommer 1995)
Die Menschheit wächst über sich hinaus - zumindest was die
Körpergröße anbelangt. Die jungen Menschen von heute sind im Durchschnitt die
größten, die bisher auf der Erde lebten. Die Durchschnittsgröße nimmt etwa 1 bis 2 cm
pro Jahrzehnt zu. Über die Ursachen sind sich die Fachleute nicht einig. Sind
Veränderungen des Klimas verantwortlich oder der Wandel von körperlichen zu geistigen
Tätigkeiten im Berufsleben? Spielt die Zunahme des künstlichen Lichts oder die
Reizüberflutung des städtischen Lebens eine Rolle (Städter sind größer als
Landmenschen!!)? Welchen Beitrag leisten geänderte Ernährungsgewohnheiten zum
Größenwachstum?
Solche und andere Fragen (z.B. die nach den gesundheitlichen Folgen der
Wachstums-Entwicklung) wurden von verschiedenen Autoren behandelt. Das Anliegen meiner
Arbeit war es, mögliche psychische Auswirkungen von Hochwüchsigkeit zu
untersuchen.
Zwar hat sich die sozialpsychologische Forschung durchaus mit dem Thema Körpergröße
auseinandergesetzt; es ging dabei jedoch selten um extreme Abweichungen vom
Durchschnitt (nach unten oder oben). Man konnte lediglich nachweisen, daß Großsein in
verschiedenen Bereichen Vorteile mit sich bringt. So werden große Menschen z.B. als
einflußreicher und bedeutender eingeschätzt (im Vgl. zu kleinen). Sie genießen damit
auch Vorteile in der beruflichen Entwicklung. Außerdem zeigen sie in ihren Selbstangaben
mehr Selbstvertrauen und Dominanz. Diese Befunde geben nur einen allgemeinen Trend
wieder und sagen nichts aus über die Bedeutung und Wirkung extremer Körpergröße
(Hochwüchsigkeit).
Folgende drei Leitfragen dienten als Ausgangspunkt für meine Studie:
| Wie werden hochwüchsige Menschen von außen, d.h. von normal großen Menschen gesehen? | |
| Welche Annahme besteht bei den hochwüchsigen Menschen selbst, wie sie von außen gesehen werden? | |
| Wie sehen sich die hochwüchsigen Menschen selbst? |
Zunächst sei angemerkt, was unter Hochwüchsigkeit zu verstehen ist.
Ich habe als Kriterium die Vorgaben des KLM (Klub Langer Menschen) herangezogen. Danach
gilt ein Mann als großwüchsig bzw. hochwüchsig ab einer Größe von 1,90m. Für die
Frauen liegt die Grenze bei 1,80m. Es existieren in der medizinischen Literatur
verschiedene andere Definitionen, die hier jedoch nicht von Interesse sind.
Im ersten Schritt der Untersuchung (Studie 1) sollte erfaßt werden, wie
hochwüchsige Männer und Frauen von normal großen Menschen eingeschätzt werden. Anders
ausgedrückt: Gibt es ein Stereotyp über lange Menschen? Wir kennen solche
Stereotype über verschiedene andere soziale Gruppen, etwa über Schwarze, Türken,
Behinderte (um nur einige markante Beispiele zu nennen).
An 122 normal große Versuchspersonen (überwiegend Studenten) wurden Fragebögen
ausgeteilt. Sie sollten mit Hilfe einer Adjektivliste einen großen Mann bzw. eine große
Frau beschreiben. Dabei mußten sie auf ihre Erfahrungen bzw. auf ihre Phantasie
zurückgreifen.
Die genaue Aufgabenstellung lautete:
Thomas ist 23 Jahre alt, hat eine Körpergröße von 2,00 m und ein Gewicht, das für diese Größe normal ist. Stellen Sie sich seine Statur möglichst konkret vor. Welche der folgenden Eigenschaften würden Sie bei ihm am ehesten vermuten? |
Die Körpergröße von Thomas wurde dabei variiert. Die Angaben reichten von 1,80m
bis 2,10m. (Bei der Beschreibung der großen Frau war das Vorgehen identisch. Die
Größenangaben reichten von 1,70m bis 2,00m.) So konnte schließlich verglichen werden,
wie Männer und Frauen verschiedener Größe eingeschätzt werden.
Im zweiten Schritt der Arbeit (Studie 2) wurden dann 99 hochwüchsige Menschen befragt. Die Größe der Versuchspersonen (Vpn) reichte bei den Männern von 1,91 m bis 2,23 m und bei den Frauen von 1,80 m bis 1,96 m. Es nahmen 53 Männer und 46 Frauen an der Untersuchung teil. In dem verwendeten Fragebogen wurde das Selbstwertgefühl, die Depressivität, das Selbstkonzept sowie die Erfahrungen und Einstellungen bezüglich der eigenen Körpergröße erfaßt.
Außerdem wurden folgende Fragen gestellt:
"Wie stellen Sie sich einen 'typischen' 2,00 m-Mann (eine 'typische' 1,90 m-Frau)
vor?"
Und: "Was glauben Sie, wie die Bevölkerung im allgemeinen einen 2,00 m-Mann (eine
1,90 m- Frau) einschätzt?"
Es existieren deutlich negativ getönte stereotype Einschätzungen
von großen Frauen in der studentischen Untersuchungsgruppe. Je größer die
einzuschätzende Frau (zwischen 1,70 m und 2,00m), desto kleiner ist nach Meinung der
Beurteiler ihre körperliche Fitness, desto kleiner ihre Antriebsstärke, desto kleiner
ihre körperliche Attraktivität und desto größer ihre Hemmung. Genauere Analysen
zeigen, daß die Einschätzungen bis zu einer Größe von 1,85 m auf positivem Niveau
bleiben und erst im darüber liegenden Größenbereich abfallen. Es konnte also
nachgewiesen werden, daß die Versuchspersonen bei Frauen ab einer Größe von ca. 1,85 m
gewisse körperliche und psychische Defizite vermuten. Zur Erklärung dieses Phänomens
muß auf das "klassische" Weiblichkeitsideal verwiesen werden, das tendenziell
mit den Attributen "klein", "zierlich" und "schwach"
verbunden ist. Extrem große Frauen weichen von diesem körperlichen Ideal ab. Daher
werden ihnen ungewöhnliche bzw. nachteilige Eigenschaften zugeordnet.
Hinsichtlich der großen Männer existieren solche stereotypen Einschätzungen
nicht (weder in positiver noch in negativer Richtung)! Dieses Ergebnis ist überraschend,
da für Männer etwa zwischen 1,80 m und 2,00 m positiv ansteigende Beurteilungen erwartet
worden waren.
Lediglich eine Beobachtung läßt sich anhand der Daten machen: Die körperliche
Attraktivität extrem großer Männer sinkt nach Meinung der Beurteiler (aber erst
ab ca. 2,00 m). Es scheint also auch bei Männern einen Bereich zu geben, in dem
herausragende Körpergröße gewisse nachteilige Effekte im sozialen Kontakt mit sich
bringt.
Der Begriff Gruppenbild ist folgendermaßen definiert: Welches
Bild hat ein großer Mensch von einem "typischen" großen Mann bzw. von einer
"typischen" großen Frau? D.h. wie schätzt er die Gruppe ein, zu der er selbst
gehört (die Gruppe der langen Menschen)?
Der Begriff Fremdbild meint: Was glauben die großen Menschen, wie sie im
allgemeinen von der (normal großen) Bevölkerung eingeschätzt werden?
Vergleicht man die Ergebnisse zu Gruppen- und Fremdbild, so ergeben sich deutliche
Unterschiede. Das Fremdbild fällt weitaus negativer aus als das Gruppenbild. D.h.
die Gruppe, zu der die Versuchspersonen (Vpn) selbst gehören, wird relativ positiv
bewertet. Dagegen vermuten die Vpn, daß die normal große Bevölkerung ein ungünstiges
Urteil (ein Vorurteil) über die Gruppe der großen Menschen fällt. Anders formuliert:
Die starke Diskrepanz zwischen Gruppen- und Fremdbild deutet darauf hin, daß sich
hochwüchsige Menschen (sowohl Männer als auch Frauen) von normal großen Menschen
unterbewertet fühlen.
Dieser Befund ist bemerkenswert: Woher kommt dieses skeptische Fremdbild? Hätte man nicht
zumindest für die großen Männer etwas Gegenteiliges, also ein optimistisches Fremdbild
(d.h. das Gefühl, von anderen bewundert zu werden) erwartet?
Verschiedene Erklärungen bieten sich für das Phänomen an; nur eine Möglichkeit soll hier aufgezeigt werden: Aus früheren Befragungen ist bekannt, daß hochwüchsige Menschen insbesondere im Laufe ihrer Jugendzeit negative soziale Erfahrungen mit ihrer Körpergröße machen. Sie sehen sich wiederholt aufdringlichen Blicken und Kränkungen (Spott, Hänseleien) ausgesetzt. Möglicherweise hinterlassen diese negativen Erfahrungen tiefe Spuren und das ängstliche Gefühl, von anderen generell aufgrund der Körpergröße abgewertet zu werden.
Interessant ist weiterhin, daß es nur einen Persönlichkeitsbereich
gibt, in dem sich keine Differenz zwischen Gruppen- und Fremdbild zeigt: die Maskulinität.
(Zur Maskulinität gehören Adjektive wie ehrgeizig, sicher, durchsetzungsfähig und
risikobereit.)
Es ist zu vermuten, daß sich hier folgende Problematik der langen Menschen andeutet: Sie
nehmen wahr, daß die normal großen Menschen von ihnen Stärke, Durchsetzungsvermögen
und Selbstsicherheit erwarten (Fremdbild). Gleichzeitig spüren sie, daß diese maskulinen
"Tugenden" gar nicht in dem erwarteten Ausmaß in ihrer Persönlichkeit
verankert sind. Stark sein zu sollen, ohne es tatsächlich zu sein, dieser Konflikt
dürfte von vielen großen Menschen als belastend empfunden werden.
3.3 Hochwüchsige Männer und Frauen im Vergleich
Männer und Frauen lassen sich auf folgenden Ebenen miteinander
vergleichen:
Stereotyp, Gruppenbild, Fremdbild, Selbstkonzept, Selbstwertgefühl, Depressivität,
Einstellungen zu und Erfahrungen mit der Körpergröße.
Stereotyp: Vergleicht man die stereotypen Einschätzungen großer Männer und Frauen (Studie 1), so zeigt sich, daß Frauen bis zu einer bestimmten Größe deutlich besser als die Männer abschneiden (soziale Attraktivität, Femininität, Antrieb, körperliche Attraktivität). Im extremen Größenbereich (Frauen ab 1,90 m und Männer ab 2,00 m) kehren sich die Verhältnisse um, d.h. Frauen werden in diesem Bereich gleich, teilweise auch negativer eingeschätzt als Männer.
Gruppenbild: Auch die langen Menschen selbst (Studie 2) beschreiben die "typische" große Frau negativer als den "typischen" großen Mann. So glauben sie z.B., daß extrem große Frauen weniger sozial attraktiv und unglücklicher sind als extrem große Männer. Es scheint also auch bei den Betroffenen selbst die Vorstellung zu bestehen, daß herausragende Größe für Männer passend und hilfreich, vielleicht sogar wünschenswert ist, dagegen für Frauen eher hinderlich und nachteilig.
Fremdbild: Wie wird nach Meinung der Versuchspersonen ein "typischer" großer Mann bzw. eine "typische" große Frau von außen eingeschätzt? Es ergeben sich sehr deutliche Unterschiede. Die Annahme, daß extrem große Frauen von der normal großen Bevölkerung ungünstiger bewertet werden als extrem große Männer, erstreckt sich auf fast alle abgefragten Eigenschaften.
Selbstbild/Selbstwert/Depressivität: Erstaunlich ist, daß die erwarteten Nachteile großer Frauen gegenüber den großen Männern im Selbstkonzept nicht auftreten. Im Gegenteil: Die großen Frauen beschreiben sich im Vergleich zu den großen Männern als antriebsstärker und sozial attraktiver, ferner als geselliger, glücklicher, geschickter, gelenkiger und stärker. Außerdem weisen sie auf der Skala zur Depressivität einen niedrigeren Wert auf als die großen Männer. (Beim Selbstwertgefühl findet sich kein Unterschied.)
Diese Ergebnisse sind bemerkenswert. Besonders auffällig ist der
Depressivitätsvergleich, da Frauen normalerweise (d.h. in anderen Studien) deutlich
höhere Werte in diesem Bereich aufweisen als die Männer.
Noch größer ist die Überraschung, wenn man einen Vergleich der hochwüchsigen Frauen
mit den normal großen Frauen anstellt. Es zeigt sich, daß die großen Frauen deutlich
positivere Werte für das Selbstwertgefühl und deutlich niedrigere Werte für die
Depressivität haben. Es scheint also statt der erwarteten negativen psychischen
Auswirkungen eher günstige Effekte der Körpergröße bei hochwüchsigen Frauen zu geben.
Möglicherweise deuten die Ergebnisse auf eine gelungene Verarbeitung der
Größen-Problematik hin. Es steht außer Frage, daß herausragende Größe von
Mädchen/Frauen in einer bestimmten Altersphase (vor allem die Zeit etwa zwischen 15 und
20 Jahren) als belastend erlebt wird. Das konnte in früheren Befragungen gezeigt werden.
Die großen Frauen lernen aber offensichtlich, mit ihrer besonderen Situation umzugehen.
Möglicherweise sind sie ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr bereit, dem weiblichen
Körperideal nachzutrauern, und stellen im Laufe der Zeit die Vergleiche mit den normal
großen Frauen ein. Sie entwickeln ihre eigenen Maßstäbe und werden unabhängig von der
Meinung der "Leute". Dieser durch die Körpergröße mitbedingte Prozeß könnte
schließlich das relativ hohe Selbstwertgefühl bzw. Selbstkonzept erklären, von dem oben
die Rede war.
Einstellungen zu und Erfahrungen mit der eigenen Körpergröße:
"Welche Erfahrungen haben Sie mit Ihrer Körpergröße im
Bereich Partnerschaft/ Partnersuche gemacht?", so lautete eine Frage. Hier
berichten die großen Frauen deutlich negativere Erfahrungen als die Männer. Die Norm,
wonach der Mann in einer Partnerschaft größer als die Frau sein soll, ist offensichtlich
weit verbreitet und führt zu den Schwierigkeiten der großen Frauen bei der Partnersuche.
Die großen Frauen berichten ferner im Vergleich zu den großen Männern eine höhere
Unzufriedenheit mit ihrer Körpergröße.
Im Fragebogen sollte auch zu folgender Aussage Stellung genommen werden: "Meine
Körpergröße macht es mir schwerer, meine Rolle als Mann / als Frau zu finden."
Hier geben die Frauen deutlich mehr Zustimmung als die Männer.
3.4. Direkte Auswirkungen der Körpergröße
Für Männer und Frauen wurde getrennt untersucht, ob und wie die
Körpergröße mit anderen Variablen zusammenhängt. Dabei zeigten sich folgende
Tendenzen:
| Je größer eine Frau in der Untersuchungsgruppe (ab 1,80 m), desto höher sind ihre Maskulinitätswerte (entschlossen, stark) in der Selbsteinschätzung. Dieser Maskulinitätstrend findet sich bei den Männern nicht. | |
| Je größer eine Frau, desto schlechtere Erfahrungen hat sie mit ihrer Körpergröße im Bereich soziale Beziehungen gemacht. Die exponierte Körpergröße scheint demnach bei den Frauen ein gewisses Unwohlsein im sozialen Kontakt mit sich zu bringen. | |
| Es zeigt sich weiterhin, daß die Frauen sich mit zunehmender Größe als kränker erleben. Ob es sich dabei um tatsächliche gesundheitliche Einbußen handelt oder eher um ein unspezifisches negatives Körpergefühl, bleibt offen. | |
| Außerdem ist den Ergebnissen zu entnehmen, daß Hochwüchsigkeit für Frauen eine hemmende Wirkung bei der Entwicklung der Geschlechtsrollenidentität hat. D.h. je größer die Frauen in der Untersuchungsgruppe sind, desto schwerer fällt es ihnen offenbar, ihre Rolle als Frau zu finden. | |
| Mit der Körpergröße eines Mannes (ab 1,90 m) steigt das Gefühl, sozial attraktiv zu sein. Auch steigen die Werte für das Adjektiv leidenschaftlich in der Selbsteinschätzung. |
Soweit also der Versuch, die Ergebnisse meiner Arbeit kurz zu präsentieren. Im vorliegenden Artikel konnte der Aufbau der Arbeit nur in Ansätzen skizziert werden. Wahrscheinlich bleibt für den unvorbereiteten Leser manches schwer verständlich. Neben den zahlreichen erwarteten finden sich auch einige überraschende Zusammenhänge, die näher zu erforschen und zu diskutieren wären. Da ich in meiner Studie mehr oder weniger "wissenschaftliches Neuland" betreten habe, muß ich den vorläufigen Charakter mancher Ergebnisse betonen. Vielleicht werden weitere Studien folgen und deutlichere Antworten auf die angesprochenen Fragen geben.
Ich will noch einmal betonen, daß alle Ergebnisse lediglich als Trends gelten können. Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: Die Aussage, daß große Frauen im Vergleich zu großen Männern unzufriedener sind mit ihrer Körpergröße, schließt nicht aus, daß es einzelne große Frauen gibt, die mit ihrer Körpergröße sehr zufrieden sind.
Für Rückfragen stehe ich gerne zur Verfügung.
Dominik Hoenisch
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( KLM-Mitglied, Größe: 2,00 m )
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